H A S S A N   H A D D A D
Über
Haddad
Mit Hassan Haddad begegnen Sie einem Künstler, der sich zumtraditionellen Medium der Ölmalerei bekennt, der dadurch seine Ideen und Ausdrucksmöglichkeiten zur Entfaltung bringen will und auf ureigenste Weise auch kann. Der auch an den Fortschritt innerhalb dieses Genres glaubt und die post-postmodernen künstlerischen Mittel und Methoden als Herausforderung begreift, dass sich die Malerei immer wieder neu erfinden muss.
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Hassan Haddad, der gebürtige Iraker und Absolvent der Bagdader Kunstakademie, vor fast 20 Jahren seine Heimat in Leipzig fand, eine Stadt mit einer Kunsthochschule, die bezeichnend für die figurativ-gegenständliche Ausrichtung im Fach Malerei ist. Doch er arbeitet weitab von sogenannten künstlerischen (Pseudo-) Zentren und Moden. Auch kann man ihn kaum hinreichend mit irgendwelchen -Ismen charakterisieren, gleichwohl er sich im Detail und Duktus schon mal der Stilelemente des Surrealismus, des Symbolismus, des magischen Realismus, der Romantik bedient. Je nachdem, welchen entsprechenden ästhetischen Ausdruck er für geeignet findet in seinem Bemühen, hinter die Oberfläche der Dinge im konkreten Fall zu dringen, Zusammenhänge herzustellen und entsprechende Stimmungen zu vermitteln. Und natürlich sind bestimmte Konventionen, die das Medium der Ölmalerei bedingen, in Haddads Gemälden fast immer zu spüren - nämlich die Nähe zur Ikonographie und zum Literarisch-Epischen. Die Ölmalerei braucht Geduld, die Farben trocknen relativ langsam. D.h., die Ölmalerei gibt dem Künstler nicht nur ein schier unendliches Spektrum gestalterischer Möglichkeiten z.B. hinsichtlich Farbnuancierungen und Effekterzeugung, sondern sie zwingt ihn auch zum Innehalten. Am Anfang steht die Idee - und das meine ich hier nicht im philosophisch-idealistischen Sinne. Der Mensch Haddad ist ein aufmerksamer Zeitgenosse. Nach dem Beckmann ´schen Motto: "...willst du das Unsichtbare kennenlernen, ergib dich mit ganzem Herzen dem Sichtbaren." (Brief an Curt Valentin 20.12.1945) und im Sinne Martin Mosebachs, der meinte, wenn die Bildsubstanzen zu größerem Reichtum kommen sollen, sei die Betrachtung der gegenständlichen Welt notwendig, hier würden die Quellen unerschöpflich sprudeln.(Mosebach, Das Rot des Apfels. Tage mit dem Maler Peter Schermuly)
Hassan Haddad beherzigt diese "Ratschläge" - und dazu gehört auch, dass er liest, Musik hört, ins Theater geht, sich mit Geschichte und Philosophie beschäftigt - und analysiert anschließend gründlich das Gesehene, Gehörte, Erlebte. Er analysiert, bevor er zur kreativen Tat schreitet. (Diese Gedankenschwere spürt man als Betrachter schon auch ab und zu.)
Die Bilder werden niemals dem Zufall überlassen. Auch wenn er dann und wann spontan quasi überrumpelt wird von gestalterischen, kompositorischen, ästhetischen Notwendigkeiten, was dem Betrachter allerdings verborgen bleibt, oder wenn die phantasierende Innenwelt des Künstlers den Pinselstrich im Detail führt und für den Moment die Oberhand gewinnt. Notwendig jedoch zwingt er die Gegenstände gegen ihren Widerstand, um im Zusammenhang der gegenseitigen Durchdringung und Beeinflussung das Gesamtbild, den Gesamteindruck zu gewinnen. Interessant, wie er mit den Wahrnehmungen der Betrachter spielt, z.B. die Illusion erzeugt, durch ein absolut realistisch gemaltes einziges Detail den Eindruck einer wahrheitsgetreu wiedergegebenen Gesamtszene zu vermitteln (das sogenannte Et-cetera-Prinzip).
Das Themenspektrum Hassan Haddads ist breit - Landschaften, Paare, Menschengruppen, reale Alltagssituationen, Phantasiesequenzen, Klarträume, und er ist besorgt über die Umwelt und das Überleben aufverbrannter Erde.
Die menschliche Omnipräsenz auf all seinen Kunstwerken ist nicht immer sofort sichtbar, aber schon beim ersten Blick spürbar. Die Landschaften z.B. sind geprägt von Bäumen, Wesen mit bizarren und beeindruckend vielfältigen Strukturen und Formen, die sich mit ihren anthropomorphen Merkmalen besonders zu Haddads Intentionen verhalten. Sie beschreiben physische und psysische Verfassungen und Lebensumstände. Allgemein, in Zeit und Raum nur gesetzt durch Gegenstände wie z.B. Treppen, Laternen oder Brückenpfeiler, und stimmungsmäßig unterstützt von einem malerischen Fluidum, manchmal expressiv-erregend, manchmal bedrohlich ein Unwetter erahnend, manchmal dämmernd, lucide und warm.
Vielfach begegnen uns Paare in Haddads oeuvre. Paare, die eigentlich auch keine Paare mehr sind, sondern eher introvertierte, oft einsame Individuen. Bei diesem Thema beobachtet der Künstler sozialpsychologisch und gesellschaftskritisch das Zeitalter derTechnik und der Superlative und die Konsequenzen für das menschliche Miteinander. Oft kehren uns die Personen den Rücken, wir kennen das Motiv besonders von Caspar David Friedrich. Vielfach interpretiert wird diese Haltung mit einer Abkehr vom Leben und der Welt, mit Sehnsuchtsgefühlen und einer Hinwendung zur Natur und zum Geistigen. Sicher gibt uns hier der Maler Haddad auch ein Stück seines eigenen Innenlebens preis.

Bilder machen Seelisches und Gedankliches sichtbar, aber nicht definitiv und eindeutig, sie sind auch Architektur, Kristall, Nuss. Sie müssen deshalb aufgebrochen werden. Bei Hassan Haddads Werken erwartet uns Unvorhergesehenes, das sich oft über die Grenzen der Norm hinwegsetzt. Sie sind ein Spiel mit Variablen.

Anja Haddad, Aus der Einführungsrede zur Vernissage im Kunstverein
Ottobrunn 2016





"… Dass Haddad Menschenbilder malen kann, können wir spätestens heute in Augenschein nehmen, er verwirklicht sie…in enger Umarmung mit Natur und Umwelt, die das Wesen des Dargestellten zum Ausdruck bringen. Dennoch überwiegen die Leichtigkeit, das Aufatmen und die Kraft. Seine Werke zeugen von einer tiefgreifenden Authentizität. Gesellschaft, Zeitgeschichte, Zeitkritik, Menschen widerspiegeln das komplexe Denken des Malers. Er ist kein Künstler im Zwiespalt, dennoch ein Künstler `zwischen den Kulturen`…
Hassan Haddad ist ein unserer Zeit zugewandter Maler, stammend aus einer Kultur und Geschichte, die für einen sogenannten modernen Mitteleuropäer nicht immer leicht zu verstehen ist, lebend und wirkend im Heute einer…westlichen Gesellschaft, deren Probleme er teilt, mit denen er sich identifiziert, die ihm Stoff und Material für seine Bildfindung liefert…Ähnlich fast, wie sich in Gemälden Haddads Mensch und Landschaft begegnen, so finden sich in ihnen Gestalt und Welt. Oder anders ausgedrückt, er hat die Menschen erlebt, die in seinen Werken eine Rolle spielen, wie die Landschaften, die er malte - und die Landschaften offenbarten ihm ebenso ihre Psyche wie die Menschen. Daher kommt, dass Haddads Bilder Charakter ausdrücken, eine… historisch geprägte und geschöpfte Wesenhaftigkeit, ja Individualität.
Hassan kann und will keine konkreten Botschaften vermitteln. Kunst plakativ als Waffe zu verstehen, auch nicht für einen guten Zweck, ist nicht sein Anliegen. Denn er fasst die Dinge komplizierter und verwickelter als nur schwarz - weiß… Haddad überlässt uns ein größtmögliches Maß an selbständiger Auseinandersetzung mit der dahinterstehenden Wirklichkeit."

Aus der Laudatio von Dietmar Rother, Geschäftsführer der Willi-Sitte-Galerie Merseburg, zur Eröffnung der Ausstellung "Der menschliche Faktor" am 19. 01.2014